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Die Zwillinge

Eines Tages betrat Rudolf Waldenburg die Schneiderei, die Kapo meldete: „Melde gehorsamst, Herr Obersturmbannführer, 215 Arbeitskräfte – keine Ereignisse.“
Rudolf Waldenburg: „Der Häftling Ruth Steinberg soll sich bei mir melden.“
Ruth erhebt sich und stammelt: „Rudolf, das bin ich, Ruth!“
„Ich bin der Obersturmbannführer Rudolf Waldenburg, du dreckige Saujüdin.“
Mit der linken Hand ohrfeigt er Ruth, das Blut fließt in Strömen aus der Nase. Ruth spuckt Rudolf Waldenburg an. Waldenburg ohrfeigt Ruth mit voller Wucht. Ruth fällt ohnmächtig zusammen.


Schicksal oder Zufall

Es war ein schöner, sonniger Julitag. Mr. Thomson wurde wie verabredet abgeholt. Der Chauffeur meinte, dass Mr. Thomson sicherlich einen angenehmen Flug nach Chicago haben werde.
Das Schicksal hat es jedoch anders gewollt ...
Plötzlich ertönten von allen Seiten höllisch laute Sirenen. 


Ich will nicht gehängt werden

Um 18.00 Uhr stieg die Reisegruppe in einen Bus Richtung Flughafen ein. Der Gruppenleiter checkte alle zwölf Mitglieder der Gruppe am Lufthansa-Schalter ein, der weitere Weg führte Richtung Sicherheitskontrolle.
„Machen sie bitte Ihre Tasche auf!“, befahl eine Frau von der Sicherheitskontrolle.
„Aber ja, natürlich. Es sind ja nur Akten und Dokumente“, sagte Kowalsky.
Franz öffnete die Tasche und staunte. In der Tasche sah er anstatt Akten einen Stapel Zeitungen und dazwischen einen sorgfältig in seidenem Papier eingewickelten Gegenstand. Das Päckchen wurde geöffnet: es war ein um die 30 x 40 cm großes Ölbild. ....
„Ich bin unschuldig. Was wollen Sie von mir? Das ist nicht mein Bild!“, schrie Kowalsky.

Der Uhrendieb von Dschidda-Rijad

Es war drei Uhr morgens, als ein junger Mann aus dem Palmengebüsch kroch. Es war still. In der Stille der Nacht war lediglich in unbestimmten Abständen das Knurren von Kamelen zu hören. Als ein wachhabender Soldat in der Dunkelheit verschwand, sprang der junge Mann über den Zaun. Aus seinem Rucksack nahm er eine selbst gebastelte Leiter, die am Ende mit einem Stahlhaken, einem Anker ähnlich, versehen war. Mit einem tiefen Wurf, wie Athleten einen Speer werfen, versucht er den Haken in einer der obersten Etagen des Palastes an einem vorstehenden Sims einzuhaken.

10 abenteuerliche Geschichten über Sprichwörter

„Weißt du noch, wie wir uns als Vierjährige geküsst haben?“, flüsterte sie.
Plötzlich wurde es Eddi heiß, er lockerte seine Krawatte, öffnete seinen Hemdkragen, sein Herz schlug immer schneller, immer schneller -  es raste. Er sah sie an, schloss seine Augen und sah sie splitternackt, tief seufzend, auf einem Bett liegen. Es überfiel ihn plötzlich ein unbeschreibliches Gefühl, eine Sehnsucht, ein Verlangen, wie er es so gewaltig nie gespürt hatte. 


Spannende Stories über Schicksale Abenteuer Spionage Verrat

Tu comprends francais?“, fragte einer der Piraten Richard. Dieser schwieg.
„You understand english?“
Richard erschrak und blickte ihn zögernd an.
„Du deutsch sprechen?“, versuchte es der Seeräuber ungeduldig.
„I speak english“, antwortete Richard vor Angst zitternd.
„Du mein Mann getötet. Ich dich töten.“
Zwei Piraten fassten Richard und schleuderten ihn ins Wasser. Sofort näherten sich drei Haie. 
 
Ich habe erlebt und überlebt!

„Wie viele Kartoffeln hat der Jude geklaut?“, wandte er sich an den Kapo. „Dreizehn, Herr Sturm­bannführer“, antwortete dieser. „Also Hosen runter, dreizehn Schläge auf seinen dreckigen Arsch, nicht mit dem Stock, der bricht zu schnell. Es wäre doch viel zu schade um den Stock, am Arsch eines Juden zu zersplittern. Du nimmst die Peitsche, Kapo! Sollte ich merken, dass du den Juden schonst, musst du für ihn herhalten. Also los, ich liebe es, wenn die Peitsche so richtig knallt.“
Ich biss die Zähne zusammen und nahm mir vor, dem SS-Mann die Freude nicht zu machen, mich schreien und jammern zu hören. Noch nie zuvor war ich einem so heftigen Schmerz ausgesetzt. Meine Haut an Rücken und Po schien zu platzen. Ich gab jedoch nicht den kleinsten Muckser von mir. „Der Jude ist hart im Nehmen. Scheinbar spürt er noch keinen Schmerz, also sechs Hiebe zusätzlich“, befahl der Sturmbannführer. Die weiteren Schläge spürte ich nicht mehr. Ich wurde bewusstlos, auf einer Bahre brachte man mich in die Baracke.
 

Verpfuschtes Leben - Recherchen hinter Gittern

Auszug aus dem Interview mit einem Richter:

„Kann man die Frage, wie es überhaupt zu solch einem Verbrechen kommen kann, beantworten?“

„Ja, das kann man beantworten. Die Patina der Zivilisation ist ganz dünn. Das können wir in Deutschland am besten sagen, weil wir es leidvoll erlebt haben. Die Patina der Zivilisation ist ganz, ganz dünn. Sie können aus dem brav­sten Bürger ein Untier machen. Wenn Sie ihm Befehle geben und er glaubt, nicht mehr verantwortlich zu sein. Er führt sie dann in dem Bewusstsein aus, er tue Recht. Er macht dann seine Arbeit besonders gut, glaube ich.“

„Das Gesetz sagt ja, ein Richter muss unabhängig han­deln. Kann er das überhaupt?“

„Ja, das ist so ungefähr wie die Frage, die man stellen kann: ‚Sind wir wirklich mit einem freien Willen ausge­stattet?’ Diese Frage ist philosophisch-medizinischer Natur. In dem Sinne schleppt jeder Richter seine Kindheit, seine Jugend, seine Erzie­hung, seinen gesamten Werde­gang mit sich und er prägt ihn. Wenn Sie allerdings eine äußere Unabhängigkeit meinen, die ist sicher zu gewährleisten.“

„Es gibt Fälle, wo es für ein und dasselbe Delikt in fünf Gerichten fünf unterschiedliche Urteile gibt. Wie soll man das verstehen?“

„Das hängt davon ab, an welchen Richter man kommt. Das ist der menschliche Faktor. Das ist eine Bewertungsfrage. Sie haben als Richter einmal einen Strafrahmen und in diesem Rahmen muss sich die Strafe bewegen. Der Ge­setz­geber hat versucht, das ein bisschen zu differen­zieren, weil er genau diese Schere, von der Sie sprechen, fürchtet. Aber er kann das nicht voll­ständig differenzieren und des­halb ist es die Verantwortung jedes Strafrichters, zu einem gerechten Urteil zu kommen und dafür muss er selbst in den Spiegel gucken können. Der eine kann das bei einem sehr harten Urteil und der andere kann das auch bei einem wesentlich milderen Urteil. Bei größeren Delikten kann es durchaus um fünf Jahre schwanken. Es ist eine Schick­sals­frage, zu welchem Richter Sie kommen als Ange­klagter.“

„Ich beschäftige mich in meinem Buch viel mit Gerech­tigkeit. So wie ich Sie jetzt verstanden habe, kann also kein Urteil gerecht sein.“

„Es wäre ein Glückstreffer, wenn es gerecht wäre. Für den Rich­ter ist es ein Glücksfall, wenn er punktgenau eine Ge­rech­tigkeit trifft. Aber das weiß man ja nicht.“
 

Auszug aus dem Interview mit einem Strafgefangenen:

Vielleicht können Sie kurz schildern, was Sie bewegt hat, die Raubüberfälle zu begehen.“

„Passen Sie mal auf. Der eine leitet Frauen an zur Prostitution. Das ist nicht mein Ding. Das ist das Mieseste für mich, ganz ernsthaft. Mit der Not von Frauen Geld zu machen, das ist nicht mein Ding. Der eine macht Betrü­gereien mit Herzenswärme, der an­de­re macht auf Liebes­kaspar und kaspart die Frauen an. Dann gibt es welche, die Scheck­betrü­gereien machen, weil ihre Position ihnen das ermöglicht. So, ich war nicht in der Position, aber wollte nun mal rela­tiv viel Geld. So viel wie möglich. Und das kriegen Sie nur da, wo es liegt. Das kriegen Sie nicht auf der Post. Da müssen Sie eine Bank nehmen. Dort lag in der Regel früher das Geld. Heute natürlich nicht mehr. Heute haben die Zeiten sich gewaltig geändert, sage ich mal. Ja, das waren Überle­gungen, das war die Zeit damals, wir waren eine Gruppe von vier Männern, wir waren eine Viererbande, darum auch die lange Strafe – wegen gemein­schaftlichen Handels. Bandenbil­dung – damals gab es den Paragraphen noch. Ja, da haben wir uns überlegt: das ist null Risiko. Damals – null Risiko.“

„Wie soll ich das verstehen: null Risiko?“

„Na ja, wenn Sie jetzt in eine Bank gehen. Sie mei­nen, ein Bankräuber sei immer maskiert. Wir waren nie maskiert. Warum nicht? Wenn ich zur Tür herein­komme, mit einer Maske auf dem Kopf, passiert doch Folgendes: Ein Ange­stellter schaut vielleicht zufällig auf die Tür, sieht einen Maskierten. Was glauben Sie, was der tut? Der drückt doch sofort auf den Knopf. Dann brauchen Sie doch gar nicht mehr rein zu ge­hen. Der Zeitfaktor läuft doch. So, wenn ich als Bank­räuber jedoch wie jeder nor­male Kunde am Schalter stehe und ich bin dann dran und der Bankange­stellte fragt mich: ‚Bitte, kann ich auch etwas für Sie tun?’, dann sage ich: ‚Das will ich doch wohl hoffen’ ...

„Aber ohne Maske sind Sie doch später wieder zu erkennen!“

„Sie haben es vermutlich noch nie mit der Polizei zu tun gehabt. Wenn ich die Aussagen der Zeugen von damals in meinem Gedächtnis aneinander reihe, dann muss ich sagen: selbst meine eigene Mutter hätte mich anhand der Personenbeschreibung nicht erkannt. Mit Sicherheit nicht. Angefangen von der Größe über die Haartracht, die Klei­dung, die Autos, die angeblich dort standen – rot und grün und blau. Sie kennen den facettenreichen Ablauf der Zeu­genaussagen – was sie sehen oder besser gesagt: was sie glauben, gesehen zu haben. Außerdem war das immer nur eine Minutensache. Noch nicht einmal eine ganze Minute, vielleicht eine dreiviertel Minute. Dann war das Ganze erledigt.“


Sie kämpften gegen den Strom - erlebt und überlebt 

„Sie sollen ja einer der besten Judenfänger sein. Wie viele haben Sie bereits auftreiben können?“, fragte Helmut. Samson nahm eine stramme Haltung an. „Melde gehorsamst, Herr Sturmbannführer, dass ich gestern meinen Bericht in der Prinz-Albrecht-Straße abgege­ben habe. Danach habe ich zuletzt dreizehn Juden, vier Männer, drei Frauen und sechs Kinder, gefunden und den Behör­den übergeben“, antwortete Samson. „Dieses Mal sind es mehr, hat man uns gesagt. Deshalb sollen wir Ihnen helfen, damit keiner entkommt. Wie viele sind es und wo verstecken sie sich?“, fragte von Schleicher. „Sie halten sich in einer Laubhütte ver­steckt. Ich vermute eine größere Gruppe, etwa um die dreißig Juden, Frauen, Männer und Kinder. Sogar zwei Rabbiner sollen dabei sein. Das wird einen fetten Fang geben. Da wird sich Gestapo-Willi freuen“, frohlockte Samson freude­strah­lend. Von Schleicher warf seinem Freund einen verschwörerischen Blick zu. „Der Verräter, der seine Brüder und Schwestern dem Henker ausliefert! Dieser Judas, dieser Kollaborateur, dieser Verbrecher soll in der Hölle schmoren!“, konnte Helmut in Peters Augen lesen. Für Samson unbemerkt, gab er ihm mit einem kurzen Kopfnicken zu verstehen, dass er der gleichen Meinung war. Dann richtete er das Wort an Samson: “Vorn an der Brücke steht unser Wagen. Wir fahren also zur Laubhütte. Du zeigst uns den Weg“, befahl er ihm.

   Helmut nahm am Steuer Platz, Peter setzte sich auf den Beifahrersitz und Samson kletterte in den Fond der ganz in der Nähe abgestellten Limousine. „Die Laubhütte befindet sich ein paar hundert Meter vom Französischen Friedhof entfernt“, unterrichtete Samson Helmut. „Gut, gut“, antwortete dieser. „Ich werde unsere Männer, die mit uns das Nest ausheben werden, benachrichtigen“, gab er vor und startete den Wagen. Sein Gehirn überlegte fieberhaft, wie sie weiter vorgehen sollten. „Wir müssen diesen Verrä­ter irgendwie loswerden, sonst fliegen wir auf und außerdem wird Samson weitere arme Menschen ver­ra­ten. Es könnten Hunderte werden, die von ihm in den Tod geschickt werden.“ Er steuerte die Limou­sine über den Kurfürstendamm Richtung Chauseé­allee, die in die Oreanienburger Vorstadt führte, wo sich der Französische Friedhof befand. Kurze Zeit später erreichten sie das Eingangstor. Unbeobachtet, im Schutze der Dunkelheit, rollte der Wagen auf das Friedhofsgelände.

  Der Französische Friedhof war im achtzehnten Jahrhundert auf einem Areal von circa siebentausend Quadratmetern angelegt worden. Hier wurden be­rühmte Persönlichkeiten wie erfolg­rei­che und be­kannte Komponisten, Schauspie­ler und Wissen­schaftler zur letzten Ruhe gebettet.

  „Ich hoffe, dass ihre SS-Männer schnell kommen können. Nicht, dass die Juden etwas bemerken und verschwinden können“, sagte Samson besorgt. „Immer nur mit der Ruhe. Wir haben ausgemacht, dass wir uns hier auf dem Friedhof treffen. Das ist der beste Ort, um nicht allzu viele Zeugen zu haben. In unserem Fall sogar außerordentlich praktisch, da sich Ihre Juden ja ganz in der Nähe befinden“, beruhigte ihn Helmut. Dann gab er Peter ein vorher vereinbartes Zeichen. Blitzschnell schlug Peter von hinten zu. Ehe der Verräter sich wehren konnte, schlang er mit aller Kraft seinen Arm um Samsons Hals und nahm ihn in den Schwitzkasten. Helmut drückte einen vorbereiteten Chloroformlappen auf Nase und Mund auf den so Überrumpelten. Binnen Sekunden war dieser bewusst- und wehrlos. Peter sprang aus dem Auto. Zunächst versicherte er sich, dass sie wirklich niemand beobachtete.

   Beide hatten stundenlang darüber diskutiert, wie sie Samson ausschalten könnten, um die von ihm entdeckten Juden vor dem Verrat und damit dem sicheren Tod zu bewahren. Sie würden ihn nicht erschießen können, denn dann würden sie in Verdacht geraten. Schließlich war es ja bekannt, dass sie sich heute mit Samson treffen wollten. Überhaupt konnten sie sich nur schwer mit dem Gedanken abfinden, einen Menschen zu töten. Aber Samson war ein Verräter, der unschuldige Menschen auf dem Gewissen hatte. „So einer hat den Tod verdient. Man sollte ihn den Tigern zum Fraß vorwerfen“, hatte Helmut gesagt. „Aber wir sind doch keine Henkersknechte“, hat Peter zu bedenken gegeben. „Dann werden wir dafür sorgen, dass er sich selbst für seine Missetaten richtet.“   Nun sollte der vereinbarte Plan in die Tat umge­setzt werden. Peter holte aus dem Kofferraum der Limousine ein langes Seil, das er Helmut übergab. Ohne ein Wort zu sprechen, legte er dem Bewusst­losen die Schlinge um den Hals.

Das Fünfzehn-Millionen-Dollar-Los

Billy isst mit seiner Frau und seinen beiden Kindern zu Abend. Im Fernsehen erscheinen die Nachrich­ten. Ein Sprecher des Weißen Hauses berichtet über neue Attentate und Verluste in Bagdad. Billys Gattin meint: „Billy, mach doch die Kiste aus. Es ist doch immer dasselbe.“ „Ja, mein Schatz, sofort, aber mir fiel gerade ein, dass heute die große Lotterieziehung stattfindet. Ich halte zwar nichts davon, aber hören wir es uns doch einmal an“, sagt Billy.

   Der Nachrichtenmoderator verkündet: „Der Lotte­rie­pot ist, wie Sie wissen, auf 12,5 Millionen Dollar angewachsen. Die 12,5 Millionen Dollar hat die Nummer 7835410299 gewonnen.“

   Billy wendet sich an sein Frau: „Ich habe dir, mein Schatz, bis heute nicht erzählt, dass ich am Kennedy-Flughafen einen netten Kerl kennen gelernt habe. Wir beide haben je ein Los für fünf Dollar gekauft. Im Flugzeug saßen wir nebeneinander und haben einen guten Schluck Whisky zu uns genommen. Wir haben nett miteinander geplaudert und uns sehr amüsiert. Na ja, du weißt ja, im Spaß kommt man auf die verrücktesten Ideen. Mein neuer Freund Nick hat vorgeschlagen, dass wir die Lose tauschen und jetzt wollen wir mal nachsehen, was das gegeben hat.“

Erinnerungen ohne Hass

Die Häftlinge wurden in Facharbeiter-Gruppen unterteilt. Um der schweren Arbeit im Steinbruch oder auf dem Bau zu entgehen, meldete ich mich als Elektriker, obwohl ich gar nicht als solcher ausgebildet war. In der Werkshalle angekommen, sollte ich eine Arbeit verrichten, zu der mir jedoch die beruflichen Kenntnisse fehlten. Mir wurde ganz schwarz vor Augen. Nun war ich geliefert. Der Vorarbeiter, Herr Neumann, sah mich eindringlich an. Dann flüsterte er mir zu: „Keine Angst. Ich werde dir alles Notwendige beibringen.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Es war nicht das einzige Mal, dass er mich schützte.

***
Da unsere Nahrung zu neunzig Prozent aus Wasser bestand, waren unsere Blasen voll mit Flüssigkeit gepumpt. Wir durften uns aber nicht regelmäßig entleeren, so dass der Druck auf das Organ kaum aus­zu­halten war. Die Toiletten­häuschen auf den Bau­stellen durften nur mit Genehmigung des Wach­mannes aufgesucht werden. Diese Erlaubnis war jedoch von der Laune des Auf­sehers abhängig. Noch schlim­mer ging es während des Marsches zu. Uner­laubtes Verlassen der Kolonne konnte das Leben kosten. Der Kampf mit den natürlichen Bedürf­nissen des menschlichen Körpers war aus­sichtslos. Es ende­te mit durchnässten Hosen, die oftmals auch von flüssigem Kot durchtränkt waren. Wir schämten uns und fühlten uns zutiefst erniedrigt – neben der physi­schen Qual erlebten wir auch unseren psychi­schen Untergang.

***
Bei einem der morgendlichen Appelle wurde ich zur „Totenkolonne“ abkommandiert. Mir fuhr der Schreck in die Glieder. Ich hatte schon so viele Menschen leiden und sterben sehen. Das war schon schlimm genug. Nun musste ich auch noch die Leichen dieser geschundenen Menschen wie Fallobst aus Baracken, von Appellplätzen oder von den Bau­stellen einsammeln. Lieber hätte ich im Steinbruch geschuftet, aber mir blieb keine andere Wahl. Gemein­sam mit einem weiteren Häftling schob ich also die Karre durch das Lager, wir hoben die zu Skeletten abgemagerten gepeinigten leblosen Körper von den Plätzen auf, an denen sie qualvoll gestorben waren. Ich versuchte, nicht in ihre Gesichter zu sehen, in die starren Augen zu blicken, denen die erlittene Pein noch im Tode anzu­sehen war. Wir mussten unsere furchtbare Arbeit schnell und reibungslos erledigen. Ohne diesen armen Menschen wenigstens jetzt auch nur einen Hauch von Würde zuteil kommen zu lassen, wurde ein Leichnam nach dem anderen an Händen und Füßen gepackt und mit Schwung in die Karre geworfen. Die Toten wurden übereinander gestapelt, der volle Karren wurde dann an den Rand eines vorher ausgehobenen Grabens, der sich außerhalb des Lagers befand, geschoben und die grauenvolle menschliche Fracht ausgeschüttet – entsorgt wie Abfall.

***
Die Arbeit im Steinbruch war besonders schwer. Die SS-Männer in Begleitung ihrer Schäfer­hunde beobachteten uns ununter­brochen und gönn­ten uns nicht eine Minute zum Ausruhen. „Hey, du kannst noch viel größere Steine auf die Schulter nehmen!“, sprach mich ein SS-Posten an und zeigte auf einen riesigen Steinbrocken. Ohne Widerspruch stemmte ich den schweren Stein hoch und ging unter der Last fast zusammenbrechend weiter. Ich konnte nur unsicher und sehr lang­sam auf wackligen Beinen vorankommen. „Willst du mich verarschen, du Drecksack?“, fluchte der SS-Mann. Er kam auf mich zu und schlug mit seiner Peitsche auf mich ein. Sein Schäferhund fing laut an zu bellen und riss wie wild an der Leine. Ich geriet mit meiner schweren Last ins Trudeln, der Stein entglitt meinen Händen und plumpste unglücklicher­weise auf eine Vorderpfote des Hundes. In seinem Schmerz jaulte er erst laut auf und in der nächsten Sekunde schnapp­te er nach meinem linken Bein, biss zu und riss ein großes Stück Fleisch aus meinem Unter­schenkel. Der Schmerz war schier unerträglich. Ich schrie wie von Sinnen. Aus der tiefen Wunde schoss das Blut heraus. Halb ohnmächtig wurde ich auf einer Bahre in die Krankenstube gebracht. Die Wunden bluteten und eiterten noch monatelang. Läuse nisteten sich in die tiefen Fleischlöcher ein und piesackten zusätzlich.